Das Spannungsfeld, in dem Markt, Staat und Gesellschaftsempfinden stehen, ist nicht erst seit kurzer Zeit im Bewusstsein der Menschen, sondern wurde schon vor über 200 Jahren diskutiert. Zum Beispiel war es G. W. F. Hegel, der zu Beginn des 19. Jahrhunderts in seinen Grundlinien der Philosophie des Rechts (vgl. Hegel, 1970 (1821)) die inzwischen bekannte Idee einer differenzierten Gesellschaft vorstellte, bei der der Markt (die „bürgerliche Gesellschaft“) nur eine Sphäre neben der Familie und dem Staat darstellte. Auch er betrachtete den Markt als etwas, in das eingegriffen werden muss, um soziale Verwerfungen zu verhindern, entsprechend einer Sozialpolitik gegen den Markt (vgl. Beitrag zu Ökonomischen Begriffen und Zusammenhängen). Obwohl es in Hegels Argumentation offenbleibt, ob das Eingreifen verschiedener Regulierungsinstanzen wie der Polizei zu Erfolg führt, plädiert er in jedem Fall für ein Primat der Politik, für eine Eingrenzung des Spielfelds bzw. der Sphäre des Marktes durch eine höher gestellte Institution. Bei all den Vorzügen, die dem Markt zugeschrieben werden, wie individuelle Freiheit und Antrieb zu ökonomischer Entwicklung, wird es also für nötig gehalten, ihn bestimmten politischen Grundsätzen zu unterstellen. Hegel war damit Vorreiter moderner pluralistischer Theorien wie denen von Michael Sandel (z.B. Sandel, 2012), oder Michael Walzer (z.B. Walzer, 1994). Ersterer, auch bekannt durch seine kommunitaristische Kritik an John Rawls, ist Verfechter der Ansicht, dass es Gegenstände in der Welt gibt oder geben sollte, die es schlichtweg nicht zu kaufen gibt, da eine Vermarktlichung bzw. Kommodifizierung dieser Gegenstände deren Wesen verändert (vgl. Sandel, 2012, S. 150-152). Oft erfolgt durch eine Ökonomisierung eine Herabwertung des Gegenstands, die moralisch unerwünscht ist. Zum Beispiel würde die Käuflichkeit von Kindern dazu führen, dass sich eine Meinung einstellen könnte, nach der sich der Wert eines Kindes über dessen Rasse, Geschlecht etc. bemessen lässt. Denn „Märkte [sind nun mal] keine bloßen Verfahren […] – sie verkörpern gewisse Werte. Und manchmal verdrängen Marktwerte Normen, die wir lieber erhalten sollten“ (vgl. Sandel, 2012, S. 141). Dies ist aus klassisch ökonomischer Sicht eine unkonventionelle Anschauung, die dem gängigen ökonomischen Denken widerspricht, wonach die Natur eines Dings durch das Überordnen von wirtschaftlichen Interessen, d.h. durch Kommerzialisieren, unverändert bleibt (vgl. Sandel, 2012, S. 155-160).
Ein weiterer Punkt, den Sandel in seiner Argumentation für eine Einhegung der Marktlogik anbringt und der sich gegen die gängige ökonomische Denkweise stellt, ist, dass Eigenschaften wie Altruismus und Solidarität nicht weniger, sondern mehr werden, wenn man sie anwendet. Dafür, dass diese sich bei Benutzung reduzieren, argumentieren bekannte Ökonomen wie Kenneth Arrow und verwenden diese Prämisse um einen sparsamen Umgang mit ihnen zu begründen, woraus sie folgern, dass, wo möglich, die Befriedigung des Eigeninteresses vorgezogen werden sollte (vgl. Sandel, 2012, S. 157). Gerade in Bezug auf die Finanzmärkte sind diese beiden Streitpunkte zwischen Sandel und den klassischen Ökonomen interessant zu beleuchten. Es lässt sich an dieser Stelle zusammenfassend konstatieren, dass obige Denker verhindern möchten, dass der Markt Politik und Gesellschaft dominiert.
Einen anderen Ansatz für Überlegungen zu Moral und Markt wählte der Soziologe Êmile Durkheim, der sich Gedanken dazu machte, wie es möglich sei, den Markt von innen heraus zu moralisieren (vgl. Durkheim, 2014 (1893)). Er argumentiert für ein Berufsethos, das in Berufsgruppen, die Zusammenschlüsse von Beschäftigten derselben Branche darstellen, entwickelt und gefördert wird. Durch ein gemeinsames Miteinander im sozialen Nahbereich bilden sich in diesen Gruppen ähnlich einer Familie gemeinsame Werte und Vorstellungen, die das Berufsbild und ein bestimmtes Selbstverständnis prägen. Durkheim spricht sogar von sich bildenden „Regelsystemen“ (vgl. Durkheim, 2014 (1893), S. 421), die auf eine implizite Verbindlichkeit hinweisen. Als gelungenes Beispiel einer solchen Berufsgruppe nennt Durkheim die „Handwerkergilden […] bei den Römern“ (vgl. Waltzing, 1895, S. 194), bereits ahnend, dass eine solche Institution heute, unter anderem aufgrund der Konsequenzen der Globalisierung für einzelne Regionen nur bedingt funktionieren würde. Allerdings lobt er, dass, auch weil sie ein religiöses Ziel verfolgte, diese Korporation ein großes Maß an Solidarität und kooperativer Interessensverfolgung auszeichnete. Durkheim überlegt nun, wie diese wünschenswerten Eigenschaften ihr gesellschaftliches Revival finden können und ist davon überzeugt, dass ein Zusammenschluss von Beschäftigten desselben Geschäftsfelds der ideale Ort ist, um im ökonomischen Umfeld eine „moralische Wirkung“ (vgl. Durkheim, 2014 (1893), S. 427) zu erzielen. Wichtig ist dabei, dass die Mitglieder dieses Zusammenschlusses geschlossen und auf Augenhöhe miteinander agieren, insbesondere also die jeweilige Karrierestufe nebensächlich ist. Durkheim spricht sich für eine Berufsgruppe als „abgegrenzte und organisierte Gruppe, […] eine öffentliche Einrichtung“ aus, die eine der wesentlichen Bestandteile der politischen Architektur darstellt und deren primäre Bestimmung es ist, eine „Berufsmoral und ein Professionsrecht“ zu entwickeln (vgl. Durkheim, 2014 (1893), S. 423). Dabei wird zum einen viel Wert auf die Abgrenzung bzw. die Unabhängigkeit von den Parlamenten gelegt, um autonome, freie Entscheidungen zu ermöglichen, die zur Erfüllung der Funktion der Gruppe unerlässlich sind. Zum anderen wird herausgestellt, dass ein Zusammenschluss von Menschen als organisierte Gruppe notwendigerweise in jedem einzelnen, sozialen Wesen ein Gemeinschaftsgefühl hervorruft. Ein Gefühl, dass als „eigentliche Quelle jeder moralischen Tätigkeit“ angesehen werden kann und dessen Präzisierung und Verwirklichung somit in einen „Korpus moralischer Regeln“ aufgeht (vgl. Durkheim, 2014 (1893), S. 428). Allerdings profitiert nicht nur die Gesellschaft von der Bildung dieser Regeln durch Berufsgruppen, sondern auch jedes Individuum zieht Freude daraus, gemeinsame Interessen zu beschützen, sich zu verbündenundzu interagieren, kurz: ein gemeinschaftliches, moralisches Leben zu führen. Diese Argumente zusammenfassend sagt Durkheim: „Eine Nation kann sich nur dann erhalten, wenn sich zwischen dem Staat und den Bürgern eine ganze Reihe von sekundären Gruppen schiebt, die den Individuen nahe genug sind, um sie in ihren Wirkungsradius einzufangen und damit im allgemeinen Strom des sozialen Lebens mitzureißen“ (vgl. Durkheim, 2014 (1893), S. 436-437).
Für das Thema dieses Blogs stellt Durkheims Ansatz ein wichtiges Standbein dar, das zur Erreichung einer Einhegung des Markts neben strikt ordnungspolitischen Maßnahmen betrachtet werden kann. Denn insbesondere in Bezug auf Finanzmärkte ist es meines Erachtens nach sinnvoll, über zwei normative Säulen nachzudenken. Zusätzlich zur angesprochenen externen Beeinflussung durch Regulierung, ist es lohnenswert, zu diskutieren, wie beispielsweise der Banker wieder zu einem als vertrauenswürdig und ehrenhaft angesehenen Berufsstand werden kann und welche Werte es dabei wie zu propagieren gilt. In diesem Sinne lässt sich Durkheims Theorie als Denkanstoß für eine Ethik der Finanzpraxis betrachten, der in künftigen Beiträgen bezüglich des modernen (Finanz-)Wirtschaftens weiterverfolgt werden soll.
Ein drittes Argumentationsziel im Konfliktfeld Markt und Moral verfolgt zum Beispiel John Stuart Mill, der sich unter anderem mit dem Zusammenhang von Märkten und Verteilungsproblemen befasst (vgl. Mill, 2014 (1881)). Auch er greift dabei wie bereits Hegel auf unterschiedliche Sphären zurück, konkret auf eine Produktions- und eine Verteilungssphäre. Erstere wird dabei als gegeben betrachtet, während zweite von Menschen bestimmt und veränderbar ist. Mill fragt sich, welche Wirtschaftsordnung am förderlichsten für die „Ausdehnung der menschlichen Freiheit und Entwicklung“ (vgl. Mill, 2014 (1881), S. 411) sei und macht insbesondere deutlich, dass das Prinzip des Privateigentums in seinen Augen nicht notwendigerweise zu körperlichem und gesellschaftlichem Unrecht führt. Vor diesem Hintergrund spricht er sich dafür aus, dass das Ziel einer Wirtschaftsordnung sein sollte, das System des persönlichen Besitztums zu verbessern und gleichzeitig mittels institutionellen Maßnahmen jedes Gesellschaftsmitglied an diesem System teilhaben zu lassen. Mill ist Verfechter eines gewissermaßen antiautoritären, libertären Sozialismus, bei dem die Früchte der Arbeit zunächst mit einem Mindestbetrag gleichmäßig an alle Personen zur Befriedigung der Grundbedürfnisse aufgeteilt werden und anschließend gemäß „Arbeit, Capital und Talent“ (vgl. Mill, 2014 (1881), S. 416) verteilt werden.
An dieser Stelle ist es wichtig zu betonen, dass in der Definition des Kapitalismus kein Wort über einen Umverteilungsmechanismus verloren wird. Entlang der klassisch ökonomischen Betrachtungsweise geht es bei dieser Wirtschaftsform lediglich darum, den Kuchen so groß wie möglich zu machen. Da dies aus globaler Sicht aktuell recht gut gelungen ist und trotzdem weiterhin viel Unglück auf der Erde herrscht, ist wohl evident, dass Institutionen in der Verteilungssphäre benötigt werden, die in die Aufteilung der Kuchenstücke eingreifen können bzw. zumindest „die destruktiven Auswirkungen des Kapitalismus auf das Leben vieler Menschen […] neutralisieren“ (vgl. Wright, Reale Utopien, 2017, S. 92).