Das Oxymoron der moralischen Finanzwirtschaft

„Wovon soll der Start Deines Blogs denn handeln?“
„Über Ethik in der Finanzwirtschaft.“
„Da gibt es doch gar nichts zu schreiben.“

In dieser oder vergleichbarer Art und Weise verliefen in letzter Zeit einige meiner Konversationen. Ethik und Finanzwirtschaft sind für viele zwei Begriffe, die nichts miteinander zu tun haben und sich vermeintlich sogar ausschließen. Da ich beruflich in der Finanzbranche tätig und gleichzeitig darauf bedacht bin, in meinem Verhalten moralische Aspekte zu berücksichtigen, liegt das Anliegen dieser ersten Beiträge des Blogs darin, herauszuarbeiten, dass es zu diesem Thema sehr wohl einiges zu schreiben gibt und dass Ethik und Finanzwirtschaft keine grundsätzlich gegenläufigen Themengebiete, sondern lediglich momentan defizitär miteinander verknüpft sind. Meine grundlegende These lautet entsprechend, dass diverse Entwicklungen an den Finanzmärkten, als Symbol der Finanzwirtschaft, in Konflikt mit moralischen Grundprinzipien stehen und diese Konflikte mittels eines individualethischen und ordnungspolitischen Ansatzes reduziert bzw. verhindert werden können.

Insbesondere im Nachgang des Zusammenbruchs der US-Investmentbank Lehman Brothers im September 2008 und seit dem Beginn der globalen Finanzkrise wird in vielen medialen sowie privaten Diskussionen die Meinung vertreten, dass Finanzmärkte notwendigerweise unsoziale Institutionen sind, in denen zusätzlich unmoralische, gierige, eigennützige, überbezahlte Personen arbeiten, die sich nicht für andere Gesellschafts- schichten und das Gemeinwohl interessieren. So schrieb zum Beispiel die Financial Times erst kürzlich: „Bankers are paid the earth for socially useless activities, taxpayers fund large state subsidies in the shape of too-big–to-fail guarantees, and clever young mathematicians create new, dangerously obscure instruments to keep trading rooms busy” (vgl. Stephens, 2018). In meinen Augen ist diese Darstellung zu wenig reflektiert und einseitig. Die Diskussion um die Finanzwirtschaft wird meines Erachtens zu dichotom im Sinne eines Schwarz-Weiss-Schemas geführt. In meinen Augen ist es deshalb von Nöten, eine differenziertere Diskussion zu führen.

Die große Anzahl der Finanzmarktakteure und der erhebliche finanzwirtschaftliche Anteil am Bruttosozialprodukt sowie die direkte Abhängigkeit der Staatsgewalt von der Finanzwirtschaft als Schuldner (vgl. Mayntz, 2014) zeigen, dass finanzwirtschaftliche Einflüsse allgegenwärtig sind und letztlich auch die gesamte Gesellschaft betreffen. In einer höchst negativen Form konnte man dies bereits bei der politischen Bewältigung der Finanzkrise beobachten. Beispielswiese wurden Finanzierungsbedarfe in Großbritannien nur geringfügig durch Steuererhöhungen für Topverdiener und mehrheitlich durch die Kürzung von öffentlichen Ausgaben gedeckt (https://www.theguardian.com/business/2013/mar/31/80-20-tax-spending-plan). Nicht nur betreffen derartige Maßnahmen die gesamte Bevölkerung, sondern sie belasten auch die unteren Schichten am stärksten, da diese sie am wenigsten kompensieren können. Die daraus resultierende Wahrnehmung, dass die Profite im privaten Finanzsektor innerhalb dieses Systems bleiben, während Risiken vergemeinschaftet werden, führte meines Erachtens letztlich unter anderem auch zu dem Aufstieg von Populisten und Nationalisten wie Donald Trump, der aktuellen italienischen Regierung oder dem Ergebnis des Brexit-Votums.

Aufgrund dieser, in meinen Augen besorgniserregenden, politischen Konsequenzen sowie evidenter Verstöße der Finanzwirtschaft gegen moralische Grundprinzipien ist es mir ein Anliegen, einen Beitrag zu dem Mehrwert zu leisten, der in der Unterstützung der „politischen und gesellschaftlichen Aufgabe“ liegt, „Märkte so zu gestalten, dass die normative Bilanz positiv ist“ (vgl. Herzog & Honneth, 2014, S. 378). Die normative Bilanz soll dabei neben ökonomischen vor allem auch ethische Aspekte berücksichtigen. Ich beabsichtige, mich also insbesondere in nicht-ökonomischer Weise auf die Finanzmärkte zu beziehen, ohne dabei jedoch ihr wirtschaftliches Potenzial, ihre Funktion und Zweckdienlichkeit aus den Augen zu verlieren. Letzlich hoffe ich, dass ich mit diesen Beiträgen Wege skizzieren kann, die die Achtung moralischer Grundprinzipien in der Finanzwirtschaft verstärken und zu einem besseren Finanzsystem führen. Die Benennung dieses Ziels ist letztlich auch der Grund, weshalb viele meiner Konversationen um das Thema dieses Blogs mit den folgenden Worten des Gegenübers enden:

„Ach, das klingt aber spannend. Kann ich mir fast nicht vorstellen. Ich bin mal gespannt, ob Du mich überzeugen kannst!“

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