Beginnen möchte ich diesen Beitrag mit dem Begriffspaar Ethik und Moral. Im Alltag werden diese beiden Wörter oft synonym verwendet, dabei bezeichnet Moral die gelebte Normativität, also das „gute Verhalten“ (vgl. Vossenkuhl, 2003, S. 16) entsprechend bestimmter Richtlinien, das sich beobachten und beschreiben lässt. Ethik ist die Wissenschaft der Moral, die diese reflektiert und begründet. Während Ethik auch deskriptiv oder angewandt sein kann oder sich auf sich selbst beziehen kann (Methaethik), vertritt dieser Blog einen normativen Standpunkt, d.h. ich bewerte Handlungsweisen bezüglich bestimmten, vorschreibenden Regeln (vgl. Horster, 2012).
Essenziell für die obigen Begriffe ist die menschliche Vernunft, da normative Ethik als Moralphilosophie eine vernunftbasierte Orientierung im Handeln ermöglichen will. Sie hat das Ziel, eine rationale Grundlage zur Beantwortung von Fragen der Art „Wie soll man handeln?“ zu finden. Der normative Anspruch dieses Blogs ist entsprechend aus ethischer und ökonomischer Sicht positive und negative Zustände an den Finanzmärkten zu beschreiben und Vorschläge zur Verbesserung aufzuzeigen. Zur Beurteilung von Handlungsweisen bieten sich in diesem Rahmen verschiedene Betrachtungsweisen an, von denen ich drei näher erläutern möchte.
Der Begriff des Konsequentialismus bezeichnet die grundsätzliche Sichtweise, dass die Folgen einer Handlung für ihre Bewertung entscheidend sind. Sie fordert damit zweckmäßiges Urteilen im Sinne eines Ursache-Wirkung-Schemas. Die bekannteste Strömung ist der Utilitarismus, der eine Aktion nach dem Glück bzw. Nutzen beurteilt, das sie hervorbringt. In der einfachsten Form werden zur Beurteilung einer Handlung alle Glücks- bzw. Nutzenwerte der betroffenen Personen miteinander saldiert und diejenige Handlung mit dem höchsten Saldo als die gute Handlung erachtet. Der Utilitarismus besitzt also eine klare Handlungsanweisung, die einfach anwendbar ist. Er ist insbesondere unparteilich und säkular. Er begründet eine empirisch zugängliche Konzeption des Guten. Beim Utilitarismus geht es darum, das Gute zu maximieren. Zumindest bezüglich der meisten Kulturkreise dieser Welt würde ich den Konsequentialismus als intuitiv beschreiben, denn bereits Kinder antworten zum Beispiel auf die Frage, ob man lügen dürfe: „Es kommt darauf an, ob es rauskommt“ oder „Wenn man nicht die Wahrheit sagt, hat man hinterher nur noch mehr Ärger“ (vgl. Horster, 2012, S. 51). Kritik erfährt der Konsequentialismus aus theoretischer Sicht unter anderem aufgrund einer unklaren Definition des Glücks. Insbesondere aber widerspricht das utilitaristische Moralkriterium, als bekannteste Ausprägung des Konsequentialismus, intuitiven moralischen Urteilen in diversen Fällen. Zum Beispiel würden strenge Utilitaristen gutheißen, einen Menschen umzubringen, wenn man dadurch mindestens zwei Menschen das Leben retten kann. Beispielsweise bei Verteilungsfragen ignoriert die utilitaristische Theorie die konkrete Allokation, solange das Glück maximiert wird. Da das Maximierungskalkül nicht einmal die Menschenwürde als unantastbar ansieht und der Utilitarismus somit persönliche Rechte nicht respektiert (vgl. Nida-Rümelin, Die Optimierungsfalle, 2015, S. 175), widerspricht er dem intuitiven Verständnis von Fairness. Konkret hat der indische Ökonomienobelpreisträger Amartya Sen 1970 sogar bewiesen, dass Nutzenoptimierung und Liberalität, also individuelle Freiheit, in einem grundlegenden Spannungsverhältnis stehen (vgl. Sen, 1970). Utilitaristisch angelegte Konzepte werden also immer durch Maßnahmen komplementiert werden müssen, die die Unbescholtenheit des Individuums bewahren.
Wie auch im Falle des Konsequentialismus, erklärt sich die Urteilsfindung über Handlungen aus deontologischer Sichtweise über ihren Namen. Das griechische „to deon“ bedeutet im deutschen „Pflicht“ und „logos“ ist mit „Lehre“ zu übersetzen. Entsprechend ist im Sinne der Deontologie eine Handlung dann gut, wenn sie aus Pflicht geschieht. Allerdings speist sich diese Pflicht, als „Notwendigkeit einer Handlung aus Achtung fürs Gesetz“ (vgl. Kant, 2016 (1903), S. AA IV 400), nicht aus einer Art Gotteshörigkeit, sondern jeder Mensch gibt sich mittels Vernunft „das Gesetz des Handelns […] selbst“ (vgl. Horster, 2012, S. 45): „Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde.“ (vgl. Kant, 2016 (1903), S. AA IV 421). Aufgrund dieser Tatsache sind für Deontologen also insbesondere nicht die Folgen einer Handlung entscheidend, sondern es geht darum, das Richtige aus den richtigen Gründen, aus gutem Willen, zu tun. Die Verfolgung des guten Willens ist nämlich nach Kant, dem Begründer der Deontologie (vgl. Horster, 2012, S. 45), des Menschen höchstes Gut, denn es ist die Funktion der Vernunft, als praktisches Vermögen und kennzeichnendes Merkmal eines menschlichen Wesens, den Willen als an sich gut zu beeinflussen. Während also Konsequentialisten auf die Wirkungen von Handlungen schauen, konzentrieren sich Deontologen auf die Ursachen. Das Gute einer moralischen Handlung besteht in der Gesinnung. So gut und lobenswert die deontologische Orientierung auch klingt, so schwierig ist es, sie umzusetzen. Da Unmengen an verallgemeinerbaren Maximen existieren, die darüber hinaus schwierig vergleichbar sein können, bietet sich diese Sichtweise nicht als zuverlässiges Kennzeichnen für gutes Handeln an. Es lässt sich allerdings bereits hier festhalten, dass Egoismus nach deontologischen Gesichtspunkten eine schlechte Handlungspraxis ist (vgl. Nida-Rümelin, Die Optimierungsfalle, 2015, S. 176), da niemand wollen kann, dass egoistisches Verhalten zu einem allgemeinen Gesetz wird.
Während die moralischen Urteile dieser beiden Strömungen auf handlungsgerichteten Prinzipien beruhen, ob auf die bestmöglichen Folgen oder den kategorischen Imperativ, spricht sich die Tugendethik für einen Blick auf den Charakter eines Akteurs aus. Hier geht es also neben dem Tun auch darum, welche Art von Person man sein sollte. Die zentrale Idee dahinter ist, sich bestimmte moralisch gute Charaktereigenschaften anzueignen, aus denen notwendigerweise gute Taten folgen. Die Ursprünge dieser Strömung sind in der Antike, bei Platon und Aristoteles, zu finden. Zum Beispiel war ersterer Begründer der Kardinaltugenden sophia (Weisheit), andreia (Tapferkeit), sophrosyne (Besonnenheit) und dikaiosyne (Gerechtigkeit) deren Ausbildung nach seiner Theorie zu einem vorbildhaften und lobenswerten Verhalten führt. Meiner Einschätzung nach ist die Tugendethik nicht als vollständige Alternative zur Deontologie oder zum Konsequentialismus zu sehen, sondern eher als Komplettierung. Einwände gegen die Tugendethik betonen oft, dass sie nicht erklären kann, warum die durch die Tugendbegriffe implizierten Urteile über Handlungen moralisch richtig sind. Letztlich wird einfach davon ausgegangen, dass dem so ist und insbesondere bleibt unklar, warum genau eine bestimmte Disposition eine Tugend ist. Ein weiterer Kritikpunkt kann sein, dass es in der Tugendethik keine präzisen Handlungsanweisungen für die Praxis gibt, da das praktische Urteilsvermögen eines beispielhaft tugendhaften Akteurs nicht in Regeln gefasst werden kann.
Die ethischen Argumente dieses Blogs werden sich Elemente dieser drei Strömungen bedienen und sind damit nicht klar in eine Richtung einzuordnen. Ich folge der Einschätzung, dass die strikte Anwendung einer dieser Theorien in der Praxis nicht durchzuführen ist und immer situativ entschieden werden muss, welcher man folgen möchte. Außerdem macht es meines Erachtens für die Praxis Sinn, die Konzepte an möglichen Schnittstellen miteinander zu verbinden und damit eine möglich starke Symbiose zu schaffen.
Im Anschluss an diese kurze Einführung in die Ethik möchte ich nun dazu übergehen, den Begriff der Gerechtigkeit als Kernbegriff sozioökonomischer Diskussionen aus philosophischer Sicht zu beleuchten.
Laut Lexikon ist Gerechtigkeit ein „Prinzip zur Beurteilung von Handlungsnormen [und eine] Idee zur vernünftigen Gestaltung des Zusammenlebens“ (vgl. Prechtl & Burkard, 2008). Wenn die Mitglieder einer Gesellschaft potenziell konfliktträchtige Anforderungen oder Ansprüche an etwas besitzen entstehen Gerechtigkeitsfragen, für deren Lösung in der Wissenschaft unterschiedliche Konzepte entwickelt wurden.
In diesem Blog sind insbesondere Fragen zur Verteilungsgerechtigkeit von Bedeutung, zu deren Beantwortung die ökonomische Theorie die folgenden vier Blickwinkel vorschlägt (Die Benennungsreihenfolge bestimmt sich dabei nach dem Grad ihrer egalitären Perspektive. – vgl. Pindyck & Rubinfeld, 2009, S. 776). Die egalitäre Ansicht plädiert dafür, an jedes Gesellschaftsmitglied dieselbe Anzahl an Gütern zu verteilen. Die Rawlssche Ansicht (nach John Rawls, vgl. Rawls, 1971) setzt die Maximierung des Nutzens des am schlechtesten gestellten Gesellschaftsmitglied als Ziel. Verfolger der utilitaristischen Ansicht bemühen sich darum, den gesamtgesellschaftlichen, saldierten Nutzen zu maximieren. Verfechter der marktorientierten Ansicht behaupten, dass freie Marktmechanismen das gerechteste Ergebnis hervorbringen. Welche dieser Ansichten nun vorzuziehen ist, lässt sich nicht ohne Weiteres beantworten. Es gibt für jede dieser Richtungen für- und widersprechende Argumente und es kommt bei der Beurteilung stark auf die zugrundeliegende Ethik an. Wie zu erkennen sein wird, verwenden die moralischen Grundprinzipien, die den normativen Rahmen dieses Blogs setzen, ebenfalls den Begriff der Gerechtigkeit und nehmen eine egalitär geprägte Perspektive ein.
In jüngster Zeit ist zur Erweiterung der obigen Definition von Gerechtigkeit eine ursprünglich antike Sichtweise wieder populärer geworden, die Gerechtigkeit auch als Eigenschaft der menschlichen Seele betrachtet. Denn wie bereits im Abschnitt zur Tugendethik angesprochen, spricht Platon von den vier Kardinaltugenden Besonnenheit, Tapferkeit, Weisheit und Gerechtigkeit, wobei er die ersten drei mit spezifischen Einzelteilen der Seele in Verbindung bringt und Gerechtigkeit sich dann einstellt, wenn die „drei Seelenteile in einem richtigen Verhältnis zueinander stehen“ (vgl. Nida-Rümelin, Die Optimierungsfalle, 2015, S. 182). Bei meinen Ausführungen zur Finanzpraxis wird gerade diese Auffassung noch von Bedeutung sein.